Christoph Frei, Generalsekretär des Weltenergierates erklärt, wieso er eine ökologische Steuerreform als sinnvoll erachtet. Und wie der Bau von Gaskraftwerken attraktiver gemacht werden könnte.
Der Bundesrat möchte bis 2035 35 Prozent des Pro-Kopf-Energieverbrauchs einsparen. Ist das realistisch?
Christoph Frei*: Das ist ein hoch gestecktes Ziel. Der Massnahmenkatalog ist aber sehr umfassend. Gerade im Gebäudebereich und beim Transport gibt es noch viel Einsparpotenzial. Es ist sicher richtig, dass hier ein Schwergewicht darauf gelegt wird.
Gerade beim Transport scheinen die Massnahmen aber etwas mutlos. So wird es weiterhin keine CO2-Abgabe auf Benzin geben.
Frei: Man darf in der Tat gespannt sein, wie die Ziele mit den erwähnten Massnahmen erreicht werden sollen. Ganz allgemein stellt sich natürlich die Frage, ob es eine Lenkungsabgabe auf Energieträger bräuchte, damit die Anreize zum Sparen genügend gross sind.
Ihre Antwort?
Frei: Ich bin klar ein Befürworter der ökologischen Steuerreform. Es ist gut, dass diese in den Plänen des Bundesrates weiterhin eine Rolle spielt. Allerdings ist es schade, dass man erst in einem zweiten Schritt näher darauf eingehen will.
Hat der Bundesrat Angst, das Projekt Energiewende durch eine ökologische Steuerreform zu gefährden?
Frei: Das kann gut sein. Schliesslich wurde eine solche vor dem Volk schon einmal abgelehnt.
Gerade die energieintensive Wirtschaft wehrt sich vehement gegen eine Steuerreform.
Frei: Ja, sie wäre auch die Leidtragende. Die entscheidende Frage ist jedoch eine andere: In welchen Branchen kann die Schweiz in Zukunft ihre Stärken am besten ausspielen? Die Schweiz wird nie ein Land für tiefe Energiepreise werden. Schon nur weil wir keine entsprechenden Energiequellen haben. Also müssen wir uns anderweitig positionieren.
Wie denn?
Frei: Unsere Stärken liegen bei der Innovation, bei komplexen Technologien und bei hochqualifizierten Arbeitsplätzen. Gerade im Bereich der Systemintelligenz und Energieeffizienz könnten wir also Vorreiter sein. Beispielsweise bei den so genannt «intelligenten Technologien», also Geräten, die den Strom effizienter nutzen. Beziehungsweise dann nutzen, wenn er im Überfluss da ist.
Kommen wir zurück zur Energiestrategie des Bundesrates. Die konkreten Massnahmen und Ziele sind erst bis 2035 definiert. Ist das mutlos oder einfach ehrlich?
Frei: Allein in den letzten 10 Jahren hat ein riesiger Wandel im Bereich Energie stattgefunden. Denken Sie an die Entdeckung von Schiefergas. An Fukushima und seine Folgen. Oder an den Preiszerfall bei den Solarzellen. Auf längere Zeit Voraussagen zu machen, ist extrem schwierig.
Trotzdem behauptet der Bundesrat, er könne solche Voraussagen machen.
Frei: Gewisse Weichen müssen langfristig gestellt sein. Eine Frage, die der Bundesrat offengelassen hat, ist diejenige nach der Rolle von Gaskombikraftwerken, welche eine Brückenfunktion spielen werden müssen.
Doris Leuthard betonte, der Bund werde diese sicher nicht subventionieren.
Frei: Es geht auch nicht um Subventionen. Aber momentan investiert europaweit niemand in Gaskraftwerke, weil diese durch das grosse Angebot an Wind- und Sonnenenergie nur während sehr kurzen Perioden laufen. Sie rentieren also gar nicht. Dennoch spielt Gas eine wichtige Rolle, um die Lücken zu füllen, wenn Wind und Sonne ausfallen.
Was wäre die Lösung?
Frei: Der Staat könnte die Bereitstellung dieser Regelenergie abgelten. Damit würde er Anreize für Gaskraftwerke schaffen und die Abhängigkeit vom Ausland verringern.
Damit würde der Atomausstieg zu einem Einstieg ins Gas?
Frei: Es ist kurzfristig nicht möglich, auf Atom zu verzichten, ohne Gas in Betracht zu ziehen. Jede Energieform hat ihre Nachteile, und das Gas ist die naheliegendste Brückenenergie.
Sind Sie alles in allem optimistisch, dass die bundesrätliche Strategie aufgeht?
Frei: Es ist sicher noch ein langer und beschwerlicher Weg, aber die Strategie ist breit abgestützt. Sie wäre noch glaubhafter mit einer unterstützend wirkenden ökologischen Steuerreform. Alles in allem bin ich zuversichtlich. Es sind aber vorerst noch mutige Ankündigungen, die es nun konsequent umzusetzen gilt.
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