Dieses “Interview” erschien am 12.09.2011 in der Neuen Luzerner Zeitung.
Der starke Franken ist momentan in aller Munde. Hier verrät er, wieso er so stark ist, wie er damit umgeht, dass ihn einige Leute gezielt schwächen wollen, und erzählt von seinen Beziehungen zu anderen Währungen.
Lieber Schweizer Franken, du nervst seit einiger Zeit alle mit deiner zur Schau gestellten Stärke. Machst du das eigentlich extra?
Schweizer Franken *: Wenn ich auf jemanden überheblich oder arrogant wirken sollte, dann tut mir das leid. Ich möchte aber betonen, dass meine Stärke nicht von irgendwoher kommt. Ich habe sie über Jahre hart erarbeitet.
Niemand kann dir das Wasser reichen. Woran liegt das?
Ich habe den ganzen Sommer lang trainiert, während andere auf der faulen Haut lagen. Zudem habe ich im Gegensatz zu meiner schwächelnden Konkurrenz ein tolles Umfeld.
Es gibt immer wieder Bestrebungen, dich gezielt zu schwächen, zum Beispiel von Seiten der Schweizerischen Nationalbank. Nervt dich das?
Ich nehme das sportlich. Es ist ja mehr so, dass den anderen geholfen wird – zum Beispiel, indem man den Euro künstlich an mich bindet. Natürlich ist das nicht ganz fair, aber ich sehe das als Zeichen meiner Überlegenheit.
Empfindest du eigentlich Schadenfreude gegenüber dem Euro?
Eher Mitleid. Der Euro ist noch jung und muss noch viel lernen. Es gibt aber zu viele Erziehungsberechtigte in seinem Umfeld, die ihm ständig reinreden wollen. Zudem hat er einen schweren Stand in Ländern wie Italien und Griechenland.
Wieso das?
Die nehmen ihn nicht ernst. Man ist sich dort nicht gewohnt, dass eine Währung ohne viele Nullen etwas wert ist. Dafür hat es dort in den Regierungen – mit Verlaub – einige Nullen.
Vermisst du eigentlich deine alten Kollegen, zum Beispiel die D-Mark oder die Lira?
Mit der D-Mark war ich ja auch schon mal näher verbunden, vor fast 40 Jahren. Am lustigsten war es aber immer mit der guten alten Lira. Die hat ihren Stolz nie verloren, obwohl sie meist ziemlich zerknittert aus der Wäsche guckte. Aber sie schwärmte gerne von alten Zeiten, als sie noch begehrt gewesen war. Sie wusste immer viel zu erzählen und kannte fast jeden, der in Italien Rang und Namen hatte.
Sie wusste auch über die Affären und Partys der jeweiligen Machthaber Bescheid?
Kein Kommentar. Darüber habe ich mit der Lira Stillschweigen vereinbart. Dieses Gelübde breche ich auch nach ihrem Abgang nicht.
Und wie ist dein Verhältnis zum Dollar?
Eher distanziert. Er hat mich immer etwas von oben herab behandelt. Im Moment blickt er jedoch zu Boden, wenn er mich sieht. Ich geniesse das ein wenig, wenn ich ehrlich bin.
Stehst du eigentlich in Konkurrenz zum Gold? Eiferst du ihm nach?
Nein. Mit dem Gold messe ich mich nicht. Gold ist für mich das beste Beispiel dafür, dass zu viel Erfolg träge macht. Die meisten Goldbarren, die ich kenne, haben noch gar nichts von der Welt gesehen.
Du hingegen schon?
Ja, ich war schon überall in der Welt. Und war überall stets willkommen. Viele wollen mich oft gar nicht mehr loslassen, wenn sie mich mal haben.
Vor allem im Moment bist du ja sehr begehrt. Steigt dir das nicht in den Kopf?
Man muss schon schauen, dass man auf dem Boden bleibt. Ich lese ja auch jeden Tag von mir in der Presse. Umgekehrt ist der Neid auch sehr gross. Da wird mir teilweise Unrecht getan. Man tut so, als würde ich gewisse Branchen extra in Bedrängnis bringen.
Was sind deine Pläne für die Zukunft? Gehst du bald in den Ruhestand?
Ich hoffe nicht. Ich bin – wie übrigens auch unsere abtretende Aussenministerin – nicht der Typ fürs Faulenzen. Ich will bis ins hohe Alter fit und stark bleiben.
Aber bitte nicht mehr mit solcher Stärke, damit nicht gleich ganze Teile der Wirtschaft darunter leiden …
Hören Sie! Ein für alle Mal: Das Problem ist nicht meine Stärke, sondern die Schwäche der anderen. Ich biete den anderen Währungen gerne meine Hilfe an. Aber gewisse Leute sind beratungsresistent. Da kann ich auch nichts machen.
* Der Schweizer Franken wurde am 7. Mai 1850 als offizielle Währung der Schweiz eingeführt. In wirtschaftlich unsicheren Zeiten gilt er als Garant für Stabilität. Anfang September ist er mit dem Euro eine nicht ganz freiwillige Bindung eingegangen.