Der folgende Kommentar erschien am 9. Juni in der Neuen Luzerner Zeitung.
Der gestrige Entscheid des Nationalrats, aus der Atomenergie auszusteigen, ist mutig. Manche sprachen von einem «historischen Tag». Zweifelsohne entspricht der Entscheid der momentanen Befindlichkeit in der Bevölkerung – mit den Ereignissen von Fukushima vor Augen.
Doch es gibt keinen Grund zur Euphorie. Der Entscheid ist erst der Anfang eines langen und beschwerlichen Weges. Es wird massive Bemühungen zum Energiesparen und einen gewaltigen Schub beim Ausbau von erneuerbaren Energien brauchen. Und die Strompreise werden ziemlich sicher steigen. Gratis ist der Ausstieg nicht zu haben.
Der Bundesrat ist nun gefordert, die offenen Fragen möglichst rasch zu beantworten. Er muss aufzeigen, wie er den Umbau schaffen will, ohne vom Ausland abhängig zu werden, ohne massiv höhere Strompreise – und möglichst ohne den Bau von Gaskombikraftwerken, welche die CO2-Bilanz stark belasten würden. Entscheidend wird sein, dass der Bundesrat alle betroffenen Akteure mit einbezieht.
Es gibt durchaus Grund zur Annahme, dass unsere Wirtschaft innovativ genug ist, diese Herausforderungen zu meistern. Umso wichtiger ist es, dass die Politik klare und wirtschaftsverträgliche Rahmenbedingungen setzt. Der Ständerat tut deshalb gut daran, den Entscheid nicht zu verwässern. Denn ein «halber» Ausstieg liesse die Wirtschaft und die Investoren entsprechend ratlos zurück.
Doch nicht nur der Bundesrat ist in der Pflicht, mehrheitsfähige Lösungen zu präsentieren. Auch die Allianz, die den Ausstieg beschlossen hat, muss noch beweisen, dass es ihr wirklich ernst ist und dass sie auch vor den nötigen Massnahmen nicht zurückschreckt – und zwar über die bevorstehenden Wahlen hinaus.